Am 24. März trafen sich morgens gegen 9:30 Uhr 14 Seniorinnen und Senioren aus den neuapostolischen Kirchengemeinden Würzburg und Ochsenfurt am Hauptbahnhof Würzburg, um mit dem Zug nach Frankfurt zu fahren. Nach der Ankunft ging es zunächst mit der Straßenbahn nach Sachsenhausen zum Mittagessen beim Italiener. Von dort war es dann nur ein kurzer Fußweg zum Bibelhaus.
Im Erlebnismuseum wurden die G‘Oldies von Herrn Sven Lichtenecker begrüßt, der mit ihnen für die Dauer von 70 Minuten „Die Lebenswelt des Neuen Testaments“ erkundete, so der Titel der vorab gebuchten Führung. Exakt 9 Monate vor Heiligabend befanden sich die G’Oldies plötzlich alle auf der Suche nach der „wahren“ Weihnachtsgeschichte, zu der es viele offene Fragen gibt:
Anhand eines Ortsplanes von Kapernaum wurde die einfache Lebensweise in der damaligen Zeit deutlich gemacht: Kleine einstöckige Häuser, die aus einem einzigen Zimmer mit etwa 18 Quadratmetern bestanden, waren aneinandergebaut, durch Innenhöfe voneinander getrennt und doch gleichzeitig verbunden. In einem einzigen Raum lebten Großfamilien. Mobiliar gab es nicht, Nischen und Simse an den Wänden dienten als Ablage. Geschlafen wurde auf dem Boden. Im Winter wurden auch Tiere ins Haus geholt.
Unwirklich wirkt das ausgestellte Modell des gigantischen Tempels von Jerusalem mit seinen insgesamt 143.800 Quadratmetern Grundfläche neben den kleinen Wohnhäusern. Größer als 20 Fußballfelder, bot er mehr als 10.000 Menschen an den großen jüdischen Festtagen Platz. Auf den riesigen Vorplätzen hatten die Geldwechsler ihre Tische. Und weil die Pilger aus weit entfernten Gegenden kamen, mussten sie ihr Geld zunächst wechseln, bevor sie ihre Opfergaben kaufen konnten, die auf den Vorplätzen von Händlern angeboten wurden.
Der Tempel war ein einträgliches Geschäftsmodell, von dem auch die Römer profitierten.
Jesus störte sich an diesem Treiben: Er warf die Stände um, schrie die Händler an und trieb sie fort. Diese „Ruhestörung“ ging die Römer eigentlich nichts an. Sie mischten sich normalerweise nicht in jüdische Angelegenheiten. Andererseits wussten sie, dass Unruhen innerhalb der Tempelanlage sich oft ins ganze Land übertrugen. Das wollten die Römer unter allen Umständen vermeiden. Wurde Jesus deshalb von den Römern als „politischer Terrorist“ eingestuft? Die Gefahr, dass von Jesus Unruhen ausgingen, die das ganze Land erfassten, wurde durch den Kreuzigungstod Jesu beseitigt und kam den römischen Interessen entgegen.
Herodes der Große begann etwa im Jahre 20 v. Chr. mit der Erweiterung des Tempels, der schon im jüdischen Krieg, im Jahre 70 n. Chr., endgültig zerstört wurde. Dabei wurden der Tempel und Jerusalem geplündert und die Schätze nach Rom gebracht. Im Jahre 72 n. Chr. wurde mit diesem Geld der Bau des Colosseums in Rom begonnen. Zu diesem Ereignis wurde eine eigene Münze geprägt, der Colosseum-Sestertius.
Auf einem 1899 im kleinasiatischen Priene gefundenen Stein ist die Nähe der biblischen Erzählung von der Geburt Christi zu dem Kaiserkult mit Händen zu greifen. Mit der Inschrift aus dem Jahr 9 v. Chr. wird eine Kalenderreform bezeugt: Mit der Geburt des Kaisers Augustus beginnt eine neue Zeitrechnung mit dem Jahr 0. Denn mit dem Kaiser wurde aus römischer Sicht der „Sohn Gottes“ geboren, der „Heiland“, der Frieden schafft und das „Evangelium“ bringt.
Die neutestamentlichen Schriften hingegen deuten das anders. Die Christus-Geburt übertrifft den Kaiser Augustus, das heilige Evangelium ist ein ganz anderes als das kaiserliche „Evangelium“ vom blutigen Sieg-Frieden, mit dem die römischen Kaiser die Welt unterwarfen.
Zum Schluss wurde von Herrn Lichtenecker ein großer Bogen gespannt: Ein in Windeln gewickeltes Kind liegt in einem steinernen Futtertrog, der einem Sarg ähnelt. Das gewickelte Kind erinnert an eine Mumie. Mit der Geburt Jesu beginnt bereits das Sterben. Dieser Gedanke diente als Überleitung zur Darstellung der Kreuzigung. Gewollt war ein bewusst langes Quälen und Sterben. Die Botschaft: Wer sich mit den Römern anlegt, hat hoffnungslos verloren. Die Umkehrung durch das christliche Evangelium: Jesus ist die Hoffnung.
Im Anschluss an den spannenden und informativen Besuch des Bibelhauses freuten sich alle G’Oldies über eine Kaffeepause, bevor es wieder zum Hauptbahnhof ging und die Heimreise angetreten wurde.
Rückblickend war es ein gelungener und lohnenswerter Ausflug, bei dem auch das gesellige Zusammensein nicht zu kurz kam, sei es während der Bahnfahrt oder anlässlich des gemeinsamen Mittagessens oder Kaffeetrinkens.
Text: Hans-Peter Reinicke, Anke Rabhansl
Fotos: Joachim Dietermann, Anke Rabhansl, Karin Keß, Birgit Weitzel